Kopfgeld auf Hasenkopf für Kretas Fischer

Veröffentlicht am 29. Juni 2026 um 08:40

Ein wenig klingt es nach Rache für unzählige verspeiste Fugus, die trotz ihrer Giftigkeit in Asien als besondere Delikatesse gelten – denn ein unschuldig aussehender, eingewanderter Vertreter aus der Familie der Kugelfische frisst sich nun unkontrolliert durch die Netze der Fischer im östlichen Mittelmeer: Der Hasenkopf-Kugelfisch, der nicht nur stark giftig, sondern auch überaus gefräßig und bissig ist, wird jetzt per Fangprämie in der Ägäis bejagt.

Hasenkopf-Kugelfisch (Lagocephalus sceleratus), Kopfgeld auf Hasenkopf-Kugelfisch in der Ägäis: Jungtier in einem Aquarium auf Kreta

Kann die Aufregung um die ausgewachsenen Verwandten im Mittelmeer kaum glauben: Hasenkopf-Kugelfisch (Lagocephalus sceleratus), Jungtier in einem Aquarium auf Kreta  ©Kretaplan

Er sieht weder aus wie ein hinterhältiger Giftmörder, noch wie ein gefräßiger Vandale, der sich durch fremde Fanggründe frißt – und doch hat sich der Hasenkopf-Kugelfisch (Lagocephalus sceleratus), eigentlich in bislang wärmeren Gewässern des Roten Meeres und des Indopazifik heimisch, in den letzten Jahren im östlichen Mittelmeer auf Grund seiner robusten Eigenschaften stark verbreitet. Und er wird mit zunehmender Population zur Belastung für die Fischer in der Ägäis. Denn der Hasenkopf, in Griechenland unter seinem wissenschaftlichen Namen Lagokefalos eingebürgert, bedient sich zunehmend selbst an den Fangnetzen der Fischer in der Ägäis samt ihrem Inhalt. Mit seinen arttypisch kräftigen Gebiss, welches wie eine furchterregende Fusion aus Hasenzähnen und scharfem Schnabel anmutet und zur Jagd auf Tintenfisch und andere Meeresbewohner verwendet wird, zerpflückt er problemlos menschengemachte Leinen und Netze. Und auch vor Fingern macht er nicht halt, mehrere Fischer mussten schon mit Bissverletzungen behandelt werden. Das Griechische Rote Kreuz informiert nun eindrücklich zum Umgang mit Bissverletzungen und den Gefahren des Verzehrs, denn der Hasenkopf ist noch nicht allen Einheimischen als stark giftig und somit als ungenießbar bekannt.

Eigentlich unscheinbar, aber bissig und giftig

Wohl zuerst aus dem Roten Meer über den Suezkanal ins östliche Mittelmeer eingewandert, kommt der Hasenkopf-Kugelfisch scheinbar bestens mit den stetig steigenden Wassertemperaturen der Ägäis zurecht und hat in seinen neu erschlossenen Lebensräumen kaum Fressfeinde. Der charakteristisch gezeichnete Fisch, oben grünlich-grau gemustert mit weißem Bauch und Silberstreifen an der Flanke, kann über 40 cm lang und bis zu neun Kilogramm schwer werden. Er hat nicht nur einen sehr kräftigen Biss, sondern bildet das starke Nervengift Tetrodotoxin in seinem Körper und speichert es in Haut und Organen, was ihn praktisch unangreifbar macht. Das Neurotoxin wirkt bei der Aufnahme paralysierend und kann zu Atemlähmung und Herzstillstand führen. Allerdings müssen schon größere Mengen des Fisches verzehrt werden, um erwachsenen Menschen wirklich gefährlich zu werden.

Und was ist nun mit der Bissigkeit, die den invasiven Fisch zusammen mit seiner Giftigkeit zum perfekten  Staatsfeind und Sommerlochmonster macht? Bislang ist der Hasenkopf hauptsächlich in den tieferen Fischgründen des Mittelmeers registriert worden, wo er Jagd auf gut gefüllte Fischernetze und -Finger machte. Sein originärer Lebensraum findet sich in Riffnähe bei 18 bis 100 Meter Wassertiefe. Zwar gibt es auch reißerische Berichte über strandnahe Attacken und Bissverletzungen an sämtlichen unteren Extremitäten von Badegästen. Wissenschaftliche Befunde des Hellenic Centre for Marine Research (HCMR) weisen allerdings lediglich 27 Bissvorfälle aus den vergangenen 20 Jahren aus, in denen es den invasiven Fisch im Mittelmeer nun schon gesichert gibt.

Kretas Fischer werden zu Kopfgeldjägern

Minister Margaritis Schinas, zuständig für ländliche Entwicklung und Ernährung in Griechenland, kündigte nun die lange geplante Fangprämie für die invasiven Hasenkopf-Kugelfische als Pilotprojekt an, in der Türkei gab es bereits eine solche Maßnahme in vergangenen Jahren. Das Programm richtet sich zunächst an Fischer in der südlichen Ägäis und auf Kreta, die als Fangprämie 5,33€ pro Kilo Hasenkopf bekommen sollen. Das sorgte allerdings gleich für Unmut unter zypriotischen Fischern, deren seit Anfang des Jahres gezahltes Kopfgeld etwas geringer ausfällt. Unter dem Druck der gezielten Befischung, besonders zu Laichzeiten, soll der Bestand des Neophyten dezimiert werden. Gleichzeitig relativierte Minister Schinas die Erfolgsaussichten dahingehend: "Wir werden keine spektakulären Veränderungen erleben. Genau wie in Zypern, wo wir mit den Zyprioten gesprochen haben, gab es auch keine. Es geht vielmehr um finanzielle Unterstützung für die Fischer." Also dann doch eher eine Win-vielleicht-vielleicht-auch-nicht-Win-Situation?

Auf Grund der Giftigkeit des Kugelfisches sollen die eigentlich sehr nährstoffreichen Fänge eingefroren und staatlich kontroliert verbrannt werden, sowie teils zur möglichen Verwendung als Fischmehl oder anderer Verwertung im Rahmen des Projektes »Lagomeal« in wissenschaftlichen Einrichtungen untersucht.

Auch in den Häfen von Elounda und Siteia noch keine besonderen Vorkehrungen für anlandende Fischerboote mit giftiger Hasenkopf-Beute ©Kretaplan

Wie gefährlich wird es nun vor Kretas Küste?

Die Wahrscheinlichkeit, den Hasenkopf-Kugelfisch versehentlich zu verspeisen und am Tetrodotoxin zu verenden, gegen das es bislang tatsächlich kein Gegengift gibt, scheint mit zunehmender Bekanntheit des »kugeligen Killers« zunehmend geringer. Der Fang des Fisches zum menschlichen Verzehr ist in der gesamten EU untersagt, das Gift des Kugelfisches wird eben nicht durchs Erhitzen bei der Zubereitung neutralisiert. Mit rund 150 versehentlichen Vergiftungen und 7 Todesfällen durch den Hasenkopf-Kugelfisch ist diese Gefahr wohl deutlich höher einzustufen als die von Bissverletzungen, dürfte aber mit der Bekanntheit der invasiven Art bei Fischern und Anglern weiterhin sinken – auch wenn die Verbreitung des Einwanderers noch keineswegs gestoppt scheint, denn der Weg nach Westen ist bekanntlich sehr verlockend.

Trotzdem bleiben natürlich die Bedenken beim Schwimmen im Meer aus, bei dem der Kontakt mit heimischer und zugewanderter Fauna nicht immer so leicht zu kontrollieren ist. Noch gilt aber das heimische und tatsächlich heimtückische, wenn auch nicht tödlich-giftige Petermännchen (Trachinus draco) als größere Gefahr für Badende. Dieser strandnah lebende mediterraner Fisch gräbt sich gerne in sandigen Meeresboden ein und fährt bei Kontakt mit ungeschützten Fußsohlen blitzschnell seine Giftstacheln am Rücken und den Kiemendeckeln aus. Der so injizierte Giftcocktail auf Proteinbasis mit Serotonin verursacht starke, lang anhaltende Schmerzen und Schwellungen, kann aber auch allergische Reaktionen mit schwereren systemischen Komplikationen auslösen. Gäbe es jedenfalls noch mehr große Raubfische im Mittelmeer wie Haie oder Thunfische, könnten sich wohl auch der Hasenkopf-Kugelfisch und andere Einwanderer aus dem Osten wie der Rotfeuerfisch nicht ganz so unkontrolliert in der lauwarmen Badewanne namens Mittelmeer breitmachen.

Hasenkopf-Kugelfisch, durch den Suezkanal ins Mittelmeer eingewandert

Gar nicht immer kugelig, aber innerlich hochgiftig und mitunter bissig: Hasenkopf-Kugelfisch im Cretaquarium  ©Kretaplan

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