Jeder Griechenlandbesucher kennt das Müllproblem vor Ort: Ein Blick an jeden beliebigen Straßenrand reicht. Doch das Problem der Müllbeseitigung und -Bewältigung ist nicht nur mit mangelndem Umweltbewusstsein der Bevölkerung zu erklären, die seit 2008 Existenzielleres im Kopf hat als Mülltrennung und Recycling. Tatsächlich haben die Touristen in Ferienregionen wie Kreta einen beträchtlichen Anteil am Müllvolumen. Dem sollte mit der Einrichtung sogennanter Recylingzentren begegnet werden. Doch dieser Versuch scheint vorerst gescheitert.
Nur auf den ersten Blick mit Windmühlenenergie betrieben, nun gar nicht mehr: Recyclingmodul in Agios Nikolaos ©Kretaplan
Mindestens einmal im Jahr werden die Straßenränder der Landstraßen um Agios Nikolaos von sonnengegerbten Reinigungstrupps mit Harken und Müllsäcken durchkämmt und gereinigt – doch wenn sie mit einer Strecke noch gar nicht durch sind, werden am anderen Ende schon wieder ungehemmt Kaffeebecher aus dem Autofenster oder der Lenkerhalterung am Roller geworfen. Der kretische Irrglaube, der Wind wird es schon ins Meer wehen, ist leider noch weit verbereitet und alles andere als ein missratener Witz.
Folgende Idee nun als Antwort auf die starke Verschmutzung Griechenlands besonders mit Plastikflaschen, Getränkedosen und Kaffeebechern klang erst einmal gut: Die Stadt stellt Kontainermodule mit Einwurfautomaten zur Verfügung, in die die Bürger ihre Wertstoffe einwerfen können und für ihre Recyclingbemühungen mit einem Supermarktgutschein belohnt werden. Das gesammelte und komprimierte Leergut kann so sortenrein abtrsnsportiert und verwertet werden – besser als die bunte Mischung aus Papier, Pappe, Verpackungen und sämtlichem Plastik, die in die blauen Wertstofftonnen der regulären Müllabholung geworfen werden. Denn die Trennung hier funktioniert traditionell nicht, wie Fachleute immer wieder bestätigen. Generell hat sich das Recyclingverhalten in Griechenland verschlechtert, von landesweit 22% ist die Recyclingquote weiter auf 18% gesunken.
Grüne Verzögerungen, Verschmutzung, Verstopfung
Die Stadt Agios Nikolaos als Regionalhauptstadt Ostkretas bestellte sechs solcher "grüner" Kontainermodule, die an Hauptstraßen und an Parkplätzen des Stadtgebietes aufgestellt wurden. Doch dann passierte ersteinmal monatelang nichts, da die Kontainer erst noch mit einem speziellen Stromanschluss versehen werden mussten, um in Betrieb gehen zu können. Dann fiel den zuständigen Stellen auf, dass das Betriebspersonal erst noch zu einer Einweisung in die Haupstadt verschickt werden sollte, um die Technik auch sachgemäß beherrschen zu können. 2025 dann wurde der der erste der vier Kontainer im eigentlichen bemannt und in Betrieb genommen, ein weiterer folgte wenig später. Während der Andrang dieser Recyclingstationen zunächst noch überschaubar war, sprach sich bei den Straßen-Enterpreineuren der Kleinstadt schnell herum, dass sich mit Müll etwas verdienenen lassen würde – und so wuchs die Zahl der halbprofessionellen Müllsammler, die ihre fette Plastikbeute in riesigen Säcken zu den Kontainern karrten.
Für Besucher muss Agios Nikolaos immer mit Sauberkeit und Gastfreundlichkeit glänzen ©Kretaplan
Vom Kippenragout in der Bierdose bis zur Taxifahrer-Toilette
Das Problem dabei: Die Technik der automatischen Flaschenrücknahme ist nun einmal recht störungsanfällig, was jede Fachkraft in einem deutschen Supermarkt mit Leergutrücknahmeautomaten bestätigen kann. Die gesammelten Bierdosen sollten nämlich idealerweise nicht zerdrückt, die PET-Flaschen vollständig geleert und andere Kunstoffbehälter nur vereinzelnt und nicht grob verschmutzt eingeworfen werden, um ständige Störungen zu verhindern. Doch wer sein "grünes Gold" aus öffentlichen Mülleimern, aus Sammelkontainern oder gar tatsächlich vom Straßenrand fischt, wird selten saubere, formstabile Objekte abliefern können. So entleerten Kunden wie Betreiber ihre Flaschenreste unbekannter Provinienz mitunter recht freigiebig über die angrenzenden Gehwege, um die automatische Annahme nicht noch weiter zu verzögern, verschmutzen aber die empfindliche Fördertechnik im Inneren der Automaten dabei ebenfalls.
Vernünftige Regulierung statt Straßengeklüngel
Sicher wäre also eine einfache Regelung für den normalen Verbraucher, aber auch für den interessierten Touristen, wünschenswert gewesen, die den Einwurf auf vielleicht zwei Müllsäcke Plastikflaschen pro Person beschränken würde, um die Blockade über Stunden durch Müllsammler, die ihre ganze Monatsausbeute auf einmal abgeben und nach Stunden mit einem ganzen Packen Wertbons shoppen gehen, zu verhindern. Wenn auch vielleicht diese "professionelle Privatisierung" des Müllmanagements gewollt war, um die Plastikabfälle von den Straßen zu bekommen, verschreckte man damit eindeutig normale Verbraucher, die verständlicherweise nicht bereit sind, für die Abgabe eines Sacks Leergut im Wert eines 2,70 Euro Gutscheins für einen Supermarkt stundenland unter glühender Sonne anzustehen und zuzusehen, wie die Profis ihre Beute "einpressen". Und auch die Öffnungszeiten der Sammmelkontainer varierte so stark und von Station zu Station, dass man sich nie darauf verlassen konnte, seine gesammtelten Wertstoffe auch tatsächlich loszuwerden.
Denn die Idee, den Verbraucher mit einer zählbaren Belohnung zur gesammelten Abgabe seines Leerguts zu bewegen, um das völlige Fehlen eines griechischen Pfandsystems zu kompensieren – was ja auf EU-Ebene bald Pflicht werden soll – funktioniert eben nur, wenn die Schwelle niedrig genug und die Kompensation zählbar ist. Die Bedingungen hatten sich bereits im Winterhalbjahr 2026 verschlechtert, der Wert der eingelieferten Stücke wurde von 3 Eurocent auf 2 Cent pro Flasche/Dose verringert und die Zusammenarbeit mit der großen Supermarktkette AB Βασιλόπουλος (vergleichbar etwa mit EDEKA) beendet, ein regionaler Kleinsupermarkt übernahm zwischenzeitlich die Einlösung der Wertgutscheine.
Eines der drei Recyclingmodule der Stadt, die temporär erfolgreich betrieben wurden - sogar mit Bushaltestelle ©Kretaplan
Rolltore schlossen sich vorläufig: Kontainermodule im Juli 2026
Ende Juni noch war die gelegentliche Abgabe an den drei mehr oder weniger geöffneten Kontainermodulen in Agios Nikolaos möglich, allein im Jahr 2025 kamen laut offiziellen Angaben rund 400 Tonnen Wertstoffe an den Stationen der Stadt zusammen, was eigentlich als Erfolg gewertet wurde. Doch Ende Juni 2026 wurde zunächst noch Leergut angenommen, allerdings ohne Ausgabe der Wertgutscheine, die nicht mehr gedruckt werden konnten. In einer Pressemitteilung der Gemeinde Agios Nikolaos, noch am 20.07.2026 in der Lokalzeitung veröffentlicht, wurde die Wiedereröffnung der Recyclingzentren mitgeteilt und die Öffnungszeiten kommuniziert. Wenig später schlossen alle drei Stationen dauerhaft. Der stellvertretende Bürgermeister für Umwelt und Grüne Entwicklung, Giorgos Beloukas, erklärte: „Diese Häuser mussten ihren Betrieb einstellen, weil sie nicht mit Verbrauchsmaterialien wie Plastiksäcken für die Sammlung von Wertstoffen und den Papierrollen, auf denen die Quittung mit dem Preis gedruckt ist, den der Bürger für die Anlieferung der Wertstoffe erhält und die er beim Einkauf in Supermärkten einlöst, versorgt werden konnten“.
Sie werden ohne jegliche Entschädigung wiedereröffnen
Ab dieser Woche werden die Wertstoffhöfe wieder geöffnet und die Annahme elektronisch von der Zentrale aus abgewickelt. Anlieferungsbelege werden jedoch nicht mehr gegen Gebühr ausgedruckt. Somit kann jeder, der möchte, Wertstoffe ohne Beleg abgeben. Die Mitarbeiter von ESDAK holen die gesammelten Materialien an den Wertstoffhöfen ab.
Nur eine Nacht nach der Reinigung der Landstraßenränder findet sich wieder Recyclebares an.... ©Kretaplan
Weiterführende Links:
- WWF-Bericht zur Plastikschwemme vor griechischen Stränden bei ekathimerini.com
- Pressemitteilung der Gemeinde Agios Nikolaos zur Widereröffnung der Recyclingmodule
- Aktueller Survival Guide für Kreta 2026 von Kretaplan
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