Kretas Müllproblem: Vom Scheitern eines Versuchs

Veröffentlicht am 30. August 2026 um 19:14

Wohl jeder Griechenlandbesucher kennt das Müllproblem vor Ort: Ein Blick an einen beliebigen Straßenrand reicht. Doch das Problem der Müllbeseitigung und -Bewältigung ist nicht nur mit mangelndem Umweltbewusstsein der Bevölkerung zu erklären, die seit 2008 Existenzielleres im Kopf hat als Mülltrennung. Tatsächlich haben die Touristen in Ferienregionen wie Kreta einen beträchtlichen Anteil am Müllvolumen. Nun sollte die Einrichtung grüner Recylingzentren die Müllflut eindämmen. Dieser Versuch scheint vorerst gescheitert.

Nach Erneuerungen des Straßenbelags viele Doppellinien im Bereich Agios Nikolaos

Eines der drei Recyclingmodule der Stadt, die temporär erfolgreich betrieben wurden – sogar mit Bushaltestellenanschluß ©Kretaplan

Mindestens einmal im Jahr werden die Straßenränder der Landstraßen um Agios Nikolaos von sonnengegerbten Reinigungstrupps mit Harken und Müllsäcken durchkämmt und von Unrat befreit – doch wenn sie mit einem Abschnitt noch gar nicht ganz durch sind, werden am anderen Ende schon wieder ungehemmt Kaffeebecher aus dem Autofenster oder der Lenkerhalterung am Roller geworfen. Der alte kretische Irrglaube, der Wind wird es schon ins Meer wehen, ist noch weit verbreitet und leider alles andere als ein schlechter Witz.

Folgende Idee klang erst einmal gut als Antwort auf die verbreitete Verschmutzung Griechenlands besonders mit Plastikflaschen, Getränkedosen und Kaffeebechern: Die Stadt stellt Kontainermodule mit Einwurfautomaten zur Verfügung, in die die Bürger ihre gesammelten Wertstoffe einwerfen können und für ihre Recycling-Bemühungen mit einem Supermarktgutschein in entsprechender Höhe belohnt werden. Das gesammelte und komprimierte Leergut kann so sortenrein abtransportiert und verwertet werden – weit besser verwertbar als die bunte Mischung aus Papier, Pappe, Verpackungen und sämtlichem Plastik, die neben normalem Hausmüll in die blauen Wertstofftonnen der regulären Müllabholung geworfen werden. Denn die Trennung hier funktioniert traditionell nicht, wie Fachleute immer wieder bestätigen. Generell hat sich das Recyclingverhalten in Griechenland verschlechtert, von landesweit 22% ist die Recyclingquote weiter auf aktuell 18% gesunken. Finanzielle Anreize könnten da vielleicht helfen.

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Mülltrennung derzeit: Ja, jemand hat sich von seinem Müll getrennt. Abladeort entlang Agios Nikolaos' meistbefahrener Straße ©Kretaplan

Grüne Verzögerungen, Verschmutzung, Verstopfung

Derzeit platzt die Mülldeponie der Stadt Agios Nikolaos aus allen Nähten, nicht zuletzt auch, weil zusätzlich zu dem lokalen und touristischen Müll auch regelmäßig anrüchige Importe aus Ierapetra eintreffen, das keine eigene Abfalleinrichtung hat. Als Regionalhauptstadt Ostkretas bestellte die Gemeinde Agios Nikolaos nun sechs solcher "grünen" Kontainermodule, die an Hauptstraßen und Parkplätzen des Stadtgebietes aufgestellt wurden. Doch dann passierte ersteinmal monatelang nichts, da die Kontainer erst noch mit einem speziellen Stromanschluss versehen werden mussten, um in Betrieb gehen zu können. Dann fiel den zuständigen Stellen auf, dass das Betriebspersonal erst noch zu einer Einweisung in die Haupstadt verschickt werden sollte, um die Technik auch sachgemäß beherrschen zu können. Spät im Jahr 2024 dann wurde der erste der vier Kontainer im eigentlichen Stadtgebiet bemannt und in Betrieb genommen, ein weiterer folgte wenig später. Während der Andrang dieser Recyclingstationen zunächst noch überschaubar war, sprach sich bei den Straßen-Entrepreneuren der Kleinstadt schnell herum, dass der Müll nun etwas einbringen würde – so wuchs die Zahl der halbprofessionellen Müllsammler, die ihre fette Plastikbeute schließlich in riesigen Säcken zu den Kontainern karrten. 

Für Besucher will Agios Nikolaos immer mit Sauberkeit und Gastfreundlichkeit glänzen ©Kretaplan

Vom Kippenragout in der Bierdose bis zur Taxifahrer-Toilette

Das Problem dabei: Die Technik der automatischen Flaschenrücknahme ist nun einmal recht störungsanfällig, was jede Fachkraft in einem deutschen Supermarkt mit Leergutrücknahmeautomaten bestätigen kann. Die gesammelten Bierdosen sollten nämlich idealerweise nicht zerdrückt, die PET-Flaschen vollständig geleert und andere Kunstoffbehälter wie Shampoo-Flaschen nur vereinzelnt und nicht grob verschmutzt eingeworfen werden, um ständige Störungen der Fördertechnik zu verhindern. Doch wer sein "grünes Gold" aus öffentlichen Mülleimern, aus Sammelkontainern oder gar tatsächlich vom Straßenrand fischt, wird selten saubere, formstabile Objekte abliefern können. So entleerten Kunden wie Betreiber ihre Flaschenreste unbekannter Provinienz mitunter recht freigiebig über die angrenzenden Gehwege, um die automatische Annahme nicht noch weiter zu verzögern, verschmutzen aber die empfindliche Fördertechnik im Inneren der Automaten dabei dennoch. So kam es immer wieder zu Störungen und Ausfällen, immer öfter traf man die Rollläden der Kontainer halb geschlossen an; ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich der Bediener für technische Überlegungen etwa in ein nahes Cafe zurückgezogen hatte.

Vernünftige Regulierung statt Straßengeklüngel

Wahrscheinlich wäre also eine vernünftige technische Einweisung des studentischen Bedienpersonals für einen zuverlässigen Betrieb hilfreich gewesen, und vielleicht zudem eine einfache Regelung für den normalen Verbraucher, aber auch für den interessierten Touristen wünschenswert, die den Einwurf auf vielleicht zwei Müllsäcke Plastikflaschen pro Person beschränken würde, um die Blockade über Stunden durch Müllsammler, die ihre ganze Monatsausbeute auf einmal abgeben und dann mit einem ganzen Packen Wertbons abziehen, zu verhindern. Wenn auch vielleicht diese "professionelle Privatisierung" des Müllmanagements gewollt war, um die Plastikabfälle tatsächlich von den Straßen zu bekommen, verschreckte man damit eindeutig normale Verbraucher, die verständlicherweise nicht bereit sind, für die Abgabe eines Sacks Leergut im Wert eines 2,50-Euro-Gutscheins für einen Supermarkt stundenlang unter glühender Sonne anzustehen und zuzusehen, wie die bevorzugten Profis ihre schier endlose Beute "einpressen". Auch die Öffnungszeiten der Sammmelkontainer varierten letztlich so stark und von Station zu Station, dass man sich nie darauf verlassen konnte, seine Wertstoffe auch tatsächlich loszuwerden.

Die Idee, den Verbraucher mit einer zählbaren Belohnung zur gesammelten Abgabe seines Leerguts zu bewegen, um das völlige Fehlen eines griechischen Pfandsystems zu kompensieren – was ja auf EU-Ebene bald Pflicht werden soll – funktioniert eben nur, wenn die Schwelle niedrig genug und die Kompensation zählbar ist. Niemand möchte zur Müllentsorgung lange anstehen. Die Bedingungen hatten sich zudem bereits im Winterhalbjahr 2026 verschlechtert, der Wert der eingelieferten Stücke wurde von 3 auf 2 Cent pro Flasche/Dose verringert und die Zusammenarbeit mit der großen Supermarktkette AB Βασιλόπουλος (vergleichbar etwa mit Edeka) beendet, ein regionaler Kleinsupermarkt übernahm zwischenzeitlich die Einlösung der Wertgutscheine.

Geschlossene Recyclingstation im Zentrum von Agios Nikolaos

Nur auf den ersten Blick mit Windmühlenenergie betrieben. Nun haben Bierdosen hier nichts mehr zu befürchten: Recyclingmodul in Agios Nikolaos im Herbst 2026  ©Kretaplan

Rolltore der Kontainermodule schlossen im Juli 2026

Ende Juni noch war die gelegentliche Abgabe an den mehr oder weniger geöffneten Kontainermodulen in Agios Nikolaos möglich, allein im Jahr 2025 kamen laut offiziellen Angaben rund 400 Tonnen Wertstoffe an den drei arbeitenden Stationen der Stadt zusammen, was eigentlich als Erfolg gewertet wurde. Allerdings,  Ende Juni 2026 wurde zunächst noch Leergut angenommen, allerdings ohne Ausgabe der Wertgutscheine, die nicht mehr gedruckt werden konnten. In einer Pressemitteilung der Gemeinde Agios Nikolaos, noch am 20.07.2026 in der Lokalzeitung veröffentlicht, wurde die Wiedereröffnung der Recyclingzentren mitgeteilt und die Öffnungszeiten kommuniziert. Wenig später schlossen alle drei Stationen dauerhaft. Der stellvertretende Bürgermeister für Umwelt und Grüne Entwicklung, Giorgos Beloukas, erklärte: „Diese Häuser mussten ihren Betrieb einstellen, weil sie nicht mit Verbrauchsmaterialien wie Plastiksäcken für die Sammlung von Wertstoffen und den Papierrollen, auf denen die Quittung mit dem Preis gedruckt ist, den der Bürger für die Anlieferung der Wertstoffe erhält und die er beim Einkauf in Supermärkten einlöst, versorgt werden konnten“.

Die Zukunft der Recyclingmodule sieht düster aus

Der Niedergang dieses zarten Pflänzchens der nachhaltigen Abfallrücknahme dürfte nicht nur wegen ausbleibender Materiallieferungen erfolgt sein, sondern eher weil der Betreiber der von einem EU-Fonds cofinanzierten Programms des Vereinigten Abfallmanagementverbands von Kreta (ESDAK) seinen zweijährig auslaufenden Vertrag nicht verlängern wollte. Wie es weitergeht mit den Kontainermodulen ist noch unklar, die angekündigte sofortige Wiedereröffnung ohne Wertgutscheinausgabe und Bedienpersonal blieb aus, dürfte allerdings auch nicht so einfach funktionieren: "Ab dieser Woche werden die Wertstoffhöfe wieder geöffnet und die Annahme elektronisch von der Zentrale aus abgewickelt. Somit kann jeder, der möchte, Wertstoffe ohne Beleg abgeben. Die Mitarbeiter von ESDAK holen die gesammelten Materialien an den Wertstoffhöfen ab", so die offizielle Ankündigung.

Denn es bleibt das Problem der anfälligen Technik: Wenn niemand die Verstopfungen und Fehlermeldungen zu beheben weiß, werden die angelieferten Säcke sich schnell stapeln und den fließenden Verkehr beeinträchtigen. Denn so ein mit PET-Flaschen gefüllter Müllsack segelt sehr elegant in den derzeit vorherrschenden, kräftigen Windböen auf ganz Kreta. Das jedenfalls würde auch gut zur weiteren lokalpolitischen Planung der Müllentsorgung passen. Denn die Gemeinde Agios Nikolaos verfügt bereits über Auschreibungsunterlagen für die Errichtung einer Abfallumladestation auf dem Gelände der überfüllten städtischen Deponie – um irgendwann einmal die gesammelten Abfälle Lassithis zur Deponie der Hauptstadtregion in Chersonissos verschicken zu können. So der Plan.

Unruhige Zeiten, auch in der Ägäis

Nur eine Nacht nach der Reinigung der Landstraßenränder findet sich wieder Recyclebares an....  ©Kretaplan

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