Saharastaub in großen Mengen, der sich über Kreta breitmacht, ist im Frühjahr keine Seltenheit. Doch die Masse, die sich am 1. April zusammen mit einer Gewitterfront über der Mittelmeerinseln manifestierte, hatte eine ganz neue Dimension. Zudem hielt sich der Staub trotz heftiger Niederschläge und kräftiger Winde über Stunden. Als Folge fiel am 2. April der Schulunterricht in ganz Kreta aus, um die Kinder vor Gesundheitsbelastungen durch den für die Atemwege stark reizenden Feinstaub zu schützen.
Stark eingeschränkte Sicht und extreme Färbung: Saharastaub über Lassithi am 1. April 2026 ©Kretaplan
Es wirkte fast wie ein Aprilscherz, als am Nachmittag des 01. April 2026 eine Gewitterfront über Kreta aufzog, die eine unerwartete Nebenwirkung mit sich brachte. Innerhalb weniger Stunden färbte sich der Himmel bei heftigen Südwinden und starken Regenschauern zunächst gelblich und dann dunkelorange. Der herabstürzende Regen war milchig und überzog sämtliche Oberflächen mit einem schmutzigen Schleier. Grund dafür war – nicht unüblich besonders für Frühjahr und Herbst – eine Wetterlage, die mit dem starken Südwind große Mengen Saharastaubs aus Nordafrika über das Mittelmeer weht.
Saharastaub auf Kreta übliches Phänomen
Ierapetra, die südlichste Stadt Kretas, liegt nur 294 Kilometer von der Küste Libyens entfernt. Bei starken Winden ist es durchaus üblich, dass Feinstaub aus der Sahara in sämtliche Himmelsrichtungen geweht wird, bei südlicher Windrichtung eben auch in Richtung Mittelmeer und mittendrin Kreta. Sonst aber tritt das Phänomen meist bei windigem, aber trockenen Wetter auf, das für einen flächendeckenden, aber dünnen Staubfilm auf Dächern, Pflanzen und Autos sorgt. Sobald der Wind dann wieder dreht – was auf Kreta meist nicht lange auf sich warten lässt – klart es meist schnell auf und man kann kurze Zeit später zahlreiche Kreter bei der Autowäsche beobachten.
Seltener »Blutregen«: Wie schädlich ist der Saharastaub?
Am 01. April aber kamen sehr starker Südwind mit großen Mengen Staub aus der Westsahara und einer Tiefdruck-Wetterlage zusammen, die für kräftige Gewitter und Starkregen über Kreta sorgte. Zusammen mit der starken atmosphärischen Färbung von schwefelgelb über leuchtendorange bis blutrot ergab sich ein etwas apokalyptisches Bild, was durch die atemwegsreizende Wirkung des Staubes untermalt wurde. Nach wenigen Stunden des sogenannten »Blutregens« auf Kreta bildete sich eine braun-orange, zentimeterdicke Staub- bzw. Schlammschicht auf sämtlichen Oberflächen.
Zwar werden die solchen Schwebestaub enthaltenden Aerosole vom Deutschen Wetterdienst als nicht toxisch eingestuft. Feine Staubpartikel gelangen aber mit der Luft in die Atemwege und können dort für Beklemmungsgefühle, Schleimhautreizungen und Entzündungen auslösen und bei vorerkrankten Personen wie Asthmatikern und Allergikern eine spürbare Mehrbelastung darstellen. Bei Feinstaub macht nicht nur die Menge die Wirkung aus, sondern auch die Größe der Partikel und damit zusammenhängend, wie tief sie in die Lungenstrukturen eindringen können. Wie beim Mikroplatik gilt: Je kleiner die Teilchen, desto größer die mögliche Beinträchtigung der Organismen.
Extreme Überschreitung der Grenzwerte für Feinstaub gemessen
Als Feinstaub werden Schwebestaubpartikel bezeichnet, deren aerodynamischer Durchmesser kleiner als 10 Mikrometer, also 10 Millionstel Meter ist. Für den Gehalt dieser (Particulate Matter) PM10 in der Atmosphäre gibt es Grenzwerte, der gesetzlich geltende griechische Grenzwert für menschliche Gesundheitsbelastungen liegt bei 50µg pro Kubikmeter im durchschnittlichen Tageswert. Eine Reihe an Messstationen an Kretas Nordküste in Akrotiri, Chania, Finokalia und Heraklion überwacht für Kreta die Feinstaubwerte. Die höchste am Mittwoch, den 01. April gemessene Konzentration lag bei 3826µg/m3 in Heraklion, von wo es auch die spektakulärsten Bilder vom sattorangen bis blutroten Himmel gab, die es neben der anderen orangefarbenen Katastrophe globalen Ausmaßes bis in die deutsche Tagesschau schafften. Finokalia in Lassithi meldete noch 1555µg/m3 Feinstaub bei Windgeschwindigkeiten von bis zu 140 km/h. Tatsächlich waren die gemessenen Feinstaubwerte so hoch, dass das System die stark erhöhten Messswerte automatisch als unrealistisch bewertete und Fehlermeldungen produzierte, bis die zulässigen Grenzwerte manuell angepasst wurden.
Wo sonst Bergkämme zu sehen sind, zogen dichte Gewitterwolken mit erstem Gelbschleiher über Agios Nikolaos auf ©Kretaplan
Was ist drin und was löst der Saharastaub aus?
Zunächts einmal ist der Tansport des Feinstaubs aus Nordafrika über weite Distanzen und große Höhen bis 5 Kilometer nichts ungewöhnliches, sonders tatsächlich fester Bestandteil des globalen Klimageschehens. Aus der Sahararegion werden pro Jahr mehrere hundert Millionen Tonnen Schwebestaub verweht. So sind die Staubpartikel als Auslöser von Wolkenbildung durch Kondensation über dem Atlantik und der damit verbundenenen Impfung von Wolken bei der Entststehung von Hurrikanes beteiligt, wehen aber auch in weiter entfernte Gebiete. Saharastaub gilt beispeielsweise auch als Quelle natürlicher atmosphärischer Düngung für den eigentlich nährstoffärmeren Amazonas-Regenwald. Denn die Aerosole aus der Sahara-Region bestehen aus durch Erosion und Hitze zu Staub zerriebenem Gestein sowie Sand mit hohem Anteil von Mineralien wie Calcium und Magnesium. Aber auch mit Malaria belastete Stechmücken oder Mikrobakterien können im Staub enthalten sein.
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