Schon seit Jahren sinken die Pegelstände der kretischen Stauseen, aus denen in den knochentrockenen Sommermonaten die Wasserversorgung von Bevölkerung, Touristen und Landwirtschaft Kretas kommt. Die Entnahmemengen sind zu hoch, ebenso wie die Leckage-Verluste und nicht zuletzt der stark gestiegene Verbrauch durch die stetig wachsenden Besucherzahlen in der Sommersaison. Doch woher kommt eigentlich das Wasser, wo liegen die Reservoirs und wie steht es wirklich um die aktuellen Pegelstände der Wasserreserven auf Kreta?
Das ostkretische Dikti-Gebirge mit seinen bis zu 2.148m hohen Gipfeln gilt als schneesicherer Wasserspeicher ©Kretaplan
Der Umgang mit dem Lebenselixier Wasser auf Kreta wird jedes Jahr wieder durch das gleiche Ritual geprägt: Nach einem immer trockeneren Sommerhalbjahr mit weniger Niederschlägen und austrocknenden Winden wird landauf und landab vor drohender Wasserknappheit gewarnt – mindestens aber für die nächste Trockenphase. Nur um sich im Frühjahr, nach dann doch noch ausreichenden Niederschlägen über letztlich gar nicht so leere Rückhaltebecken zu freuen und sich anderen Themen zuzuwenden. So berichteten kürzlich die staatlichen ERTnews, dass die Auswertung aktueller Satellitendaten des Copernicus-Programms der EU eine deutliche Zunahme der Schneedecken in den Gebirgszonen der größten Mittelmeerinsel ergeben habe.
Der Schnee des kretischen Winters sorgt im Frühjahr für Schmelzwasser und im Sommer für Trinkwasser. Im Vergleich zum Winter 2024/25 ist das Schneeschild aktuell auf den Hängen des Dikti-Gebirrges in Ostkreta etwa zehnmal so groß, im Psiloritis-Massiv in Zentralkreta rund siebenmal so groß und und das der Lefka Ori (Weiße Berge) im Westen der Insel noch etwa dreimal so umfangreich wie im Vorjahr. Entwarnung also? Nein, denn das sind keine exakten Aussagen zur tatsächlichen Menge und ihr Effekt auf die Pegelstände. Zudem zeigte sich das Winterwetter 2025/26 auf Kreta wie auch in den Vorjahren zu trocken und zu warm – bis in der zweiten Märzhälfte nahezu täglich große Mengen Regen (im Flachland) und Schnee (in den Bergen) fielen, die den wichtigen Aposelemis-Stausee auf immerhin nahezu 25% seiner Gesamtkapazität füllten.
Blick aus den Bergen um Kera auf den Aposelemi-Stausee, eines der wichtigsten Wasserreservoirs Kretas ©Kretaplan
Aposelemis: Mio. Kubikmeter Wasser, doch nie genug
In den 1990er Jahren geplant und nun seit 2019 in Betrieb, ist der Aposelemi-Staudamm zu einer der wichtigsten Säulen von Kretas Wasserversorgung geworden. Doch das erneute Auf- und wieder Abtauchen des einst beim Staudammbau überfluteten Dörfchens Σφεντύλι (Sfendyli) zeigt anschaulich den stark schwankenden Füllstand des Stausees, der hauptsächlich über ein 3,5 Kilometer langes Rohrleitungstunnelsystem von der Lassithi-Hochebene und dem flankierdenden Dikti-Gebirge sowie der eigenen natürlichen Tallage gespeist wird. So fließen große Mengen des Oberflächenwassers, also Niederschläge und Schmelzwasser, in den Stausee, der die gesamte Hauptstadtregion Heraklion, die im Osten anschließenden Touristenhochburgen von Chernsonissos bis Malia, große Teile Lassithis und auch den noch im Bau befindlichen neuen Flughafen, der wohl auch recht durstig werden wird (und offiziell noch gar nicht in den steigenden Bedarf eingerechnet wurde), zu versorgen hat. Zumindest soll der New International Heraklion Airport in Kastelli laut Plan mit eigener Brauchwasseraufbereitung etwas nachhaltig ausgestattet werden.
Der Aposelemi-Stausee sammelt die Wassermassen der südlich gelegenen Hochebenen, um die Zentren an der Nordküste zu versorgen
Dabei ist ein Wasservolumen von mindestens 5 Millionen Kubikmeter nötig, um die Bevölkerung über die kommunalen Wasserwerke zuverlässig mit Trinkwasser zu versorgen. Laut Theodoros Ninos, dem Präsidenten der Entwicklungsorganisation Kretas (OAK), lag der Füllstand noch Anfang März bei nur 1.8 Millionen Kubikmetern. Doch da bereits Mitte März die Sättigung der Grundwasserleiter in den beiden Hauptzuleitungsgebieten auf dem Lassithi- und Katharos-Plateau erreicht war, konnte der Staudamm seine hohe Füllkapazität von bis zu einer Million Kubikmetern in 24 Stunden ausspielen. Nach den andauernden kräftigen Regenfällen Ende März wurde bereits ein einigermaßen die Versorgung im Sommer sichernder Füllstand von 6.348.201 Millionen Kubikmetern erreicht. Und doch markieren diese Mengen lediglich etwa 25% der Gesamtkapazität des Stausees von rund 30 Millionen Kubikmetern. Auch der Anstieg des Wasserstands des Kournas-Sees nahe des westkretischen Georgioupoli auf 4,43 Meter wird als Zeichen der allgemeinen Verbesserung der hydrologischen Bedingungen Kretas gewertet. Vorübergehend zumindest, wenn denn der Verbrauch auf der anderen Seite nicht wieder die Rechnung sprengt.
Kritik: mangelnde Transparenz und Privatisierungspläne
In Griechenland hat sich der Wasserverbrauch seit dem Jahr 2001 von 800 Millionen auf 1.8 Milliarden Kubikmeter mehr als verdoppelt. Dem Land der dreitausend Inseln geht langsam aber sicher das Wasser aus. Grund dafür sind nicht nur die Klimawandel-bedingten Mehrbelastungen, leckageanfällige lokale Wasserversorgungssysteme, mangelndes Problembewusstsein der Bevölkerung und der stetig wachsende Zustrom im Tourismus, die für weiterhin steigenden Frischwasserbedarf sorgen. Auch der politische Umgang mit der Wasserversorgung steht immer wieder in der Kritik. So gibt es deutliche Zweifel an der Transparenz im Umgang mit einer Studie des niederländischen Unternehmens HVA International, die als Grundlage der nachhaltigen Wasserbewirtschaftung Kretas dienen sollte. Ob und mit welchem Ergebnis die Studie angefertigt wurde, ist bislang von den zuständigen Ministerien nicht offen gelegt, was durch die tätige Opposition kritisiert wird. Besonders hinsichtlich seit Jahren mutmaßlich geplanter Privatisierungsbestrebungen in der Versorgung mit landwirtschaftlichem Nutzwasser wird mangelnde demokratische Beteiligungsmöglichkeit vorgeworfen.
Landwirtschaftliche Wasserversorgung der TOEB
Auf Kreta ist ein Netz an lokale Wasserversorgungsgenossenschaften (TOEB) für die Wassernetze des landwirtschaftlichen Brauchwassers zuständig, die über meist schwarze Kunstoffleitungen nicht als Trinkwasser aufbereitetes Nutzwasser für die Bewässerung von Olivenhainen, Feldern und Gärten für aktuell 42 Cent pro Kubikmeter (nach einer Preiserhöhung im Sommer 2024) zur Verfügung stellt. Das TOEB-Netz entlastet so traditionell die Wasserversorgung, in dem Brauchwasser zur Bewässerung nicht dem Trinwassernetz entzogen wird, sondern aus gesonderten Grundwasserbrunnen kommt. Doch dieses mit kleinen Durchmessern ausgestattete, separate Wassernetz ist extrem anfällig für Leckagen, bis zu 55% des Wasservolumens geht über die häufig zu beobachtenden Lecks an Verteilstationen und über Schäden in den oberirdisch geführten Hartplastikschläuchen selbst verloren. In den letzten Jahren wurde immer wieder über eine Privatisierung dieser landwirtschaftlichen Wasserversorgung der TOEB diskutiert. Und ob nun gewinnorientiert privatisiert oder nicht, ist eine Verlustqoute von bis zu 55% im Wassernetz wohl kaum dauerhaft zu tolerieren, will man noch länger etwas vom verfügbaren Grundwasser haben, gleich ob zu Trinkswasser aufbereitet oder nicht.
Auch ohne gedankenlose Verschwendung geht auf Kreta viel kostbares Nass verloren ©Kretaplan
Unterseeische Süßwasser-Funde erstmal keine Lösung
Süßwasser gilt als einer der zukünftig wichtigesten und knappsten Rohstoffe, die nicht nur für das Überleben, sondern nahezu jede Tätigkeit des Menschen grundlegend ist. An die recht kostenintensive Entsalzung von Meerwasser traut sich Griechnland bislang noch nicht. Gute Nachrichten also, wenn Wissenschaftler kürzlich mit seismischen Bildgebungsverfahren und Tiefenbohrungen im zentralgriechischen Golf von Korinth ein System an riesigen Süßwasser-Reservoirs in relativ geringen Tiefen von 20 bis 700 Metern unter dem Meeresboden entdeckt haben wollen. Solche sogenannten Offshore Freshened Groundwater-Reservoirs wurden bislang nur vor der US-Ostküste und im Pazifik vor Neuseeland identifiziert. Die nun entdeckten griechischen Vorkommen könnten geschätzte 250 Kubikkilometer umfassen und damit größer sein als die bisherigen Funde unter Atlantik und Pazifik. Genug jedefalls, um Griechenlands Trinkwasserbedarf möglicherweise auf Jahrzehnte zu decken. Doch es handelt sich um Hochrechnungen, die exakten Mengen und die Möglichkeit ihrer Förderung, ganz abgesehen ihres (verlustfreien) Transportes von Zentralgriechenland auf die abgelegenen Inseln, zum Beisspiel in der Ägäis, stehen noch in den Sternen. Wenn die Nutzbarmachung dieses Süßwasserschatzes, so er denn wirklich in solchen Mengen vorhanden ist, so lange dauert wie die Planung um Umsetzung eines hydrologisch so wertvollen Bauwerks wie des Aposelemis-Staudamms (mindestens 30 Jahre nämlich), wird noch einiges and Grundwasser über die Jahre ungenutzt versickern.
Damit das Lebenselixier Wasser weiter läuft, muss etwas geschehen auf Kreta, darin scheint man sich einig ©Kretaplan
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