Lepra-Insel Spinalonga: Von der Festung zum Gefängnis

Veröffentlicht am 19. Mai 2026 um 17:29

Befestigter Hafen in der Antike, Festungsbollwerk der Venezianer, letzter Rückzugsort der Osmanen. Doch die Sonderstellung unter den archäologischen Stätten Kretas nimmt die kleine Insel Spinalonga im Golf von Elounda wegen ihrer tragischen Geschichte ein, als die Festung ab 1903 zum Gefängnis für Leprakranke aus Kreta und ganz Griechenland wurde. Heute ist die unbewohnte Insel ein besonders sehenswerter Touristenmagnet an der Nordspitze der Mirabello-Bucht, dessen Besuch besonders im Frühjahr lohnt, wenn die mediterrane Pflanzenwelt noch in voller Blüte steht – besonders günstig mit unseren Kretaplan-Tipps.

Antiker Antentempel des griechischen Stadtstaates LatoLato

Stark befestigte Felseninsel im Golf von Elounda: Spinalonga  ©Kretaplan

Steine im Wasser haben seit jeher Menschen dazu herausgefordert, sie zu erklimmen, sich wie die Könige des Meeres zu fühlen – und sie gegen Angreifer zu verteidigen. Nicht anders war es mit der 8,5 Hektar kleinen Felseninsel Kalydon, bereits in der Antike als Festung und Wachtposten genutzt, die bis zu 53 Meter über der Lagune von Elounda aufragt. Grabfunde von Keramiken aus minoischer Zeit lassen auf prähistorische Besiedlung schließen. Reste der Siedlung Olountos aus klassischer Zeit finden sich heute entlang der schmalen Landbrücke zur Halbinsel Kalydon jenseits der Lagune im flachen Wasser. Da aber auf Kreta die Zeiten bewegt und die Siedlungs- und Nutzungsphasen oft unstet waren, fanden die venezianischen Besatzer der Insel im 16. Jahrhundert in der Zufahrt zur Lagune eine weitgehend verlassenen Inselhafen vor, der sich bestens als Bollwerk gegen Angreifer zur See ausbauen ließ. Wie auch in Chania, Frankokastello, Ierapetra, Heraklion und vielen anderen strategischen kretischen Küstenorten errichteten die venezianischen Militärstrategen massive Festungsbauten, um ihren Anspruch auf Kreta und seine Schätze sichtbar zu untermauern. Mit der Michiel Mezzaluna Bastion findet sich ein besonders beeindruckender Festungsbau an der Nordspitze der Insel, wo aus sieben Kanonanschießscharten in den meterdicken Mauern die Zufahrt zur Lagune bewacht werden konnte.

Michiel Mezzaluna Bastion an der Nordspitze Spinalongas

Die Michiel Mezzaluna Bastion an der Nordspitze Spinalongas: Schießstand im Kretischen Krieg ©Kretaplan

Gut zu verteidigende Feste im Fahrwasser...

Aus venezianischen Aufzeichungen geht hervor, dass die Besatzer mit der griechischen Ortsbezeichnung στην Ελούντα, also etwa nach Elounda, nicht ganz zurecht kamen und daraus spina lunga (langer Dorn) machten, scheinbar angemessen für eine etablierte Seemacht. Und wehrhaft wurde die 440 Meter lange Insel, die im Laufe der Jahre mit Festungsmauern im Osten und Westen und Bastionen im Norden und Süden aufgerüstet wurde. Das Salz, das in den Salinen der Lagune gewonnen wurde, galt als wertvolles Handelsgut, ebenso wie das Olivenöl der Region. Die venezianische Garnison umfasste regulär 300 Soldaten, darunter auch viele Söldner italienischer, französicher und auch deutscher Herkunft sowie einige griechische Handwerker. Neben den Zisternen zur Wasserversorgung entstehen Vorratslager, Backstuben, ein Pulverlager, ein Waffendepot und Wohnhäuser für die Besatzung. Doch die Versorgung mit Lebensmitteln war nicht besonders gut, die Festung keineswegs beliebt als Stationierungsort bei den Soldaten, besonders in Kriegszeiten, etwa während des Kretischen Krieges (1645-1669).

...hält längerer Belagerung nicht Stand

Nachdem die Festung Spinalonga drei Monate belagert worden war, kapitulierten die venezianischen Truppen am 4. Oktober 1715 unter der Voraussetzung des freien Geleits in ihre Heimat. Die zivilen Bewohner der Insel allerdings, rund 600 Männer, Frauen und Kinder, wurden, wie auch in anderen tragischen Episoden der kretischen Unabhängigkeitsgeschichte, von den Osmanen gefangen genommen und über Sklavenmärkte ins osmanische Reich verschifft, wo viele als Ruderer in der Flotte dienen mussten. Doch auch wenn die Osmanen auf der Insel Spinalonga eine wohlhabende Enklave gebildet hatten, die auch über die griechische Befreiung ab 1866 Bestand hatte, befand sich das Großreich im Osten auf dem Rückzug. Viele muslimische Familien suchten Zuflucht in der ehemaligen venezianischen Garnison, die 1897 unter schweren Beschuss von kretischen Rebellen geriet. Kurz darauf übernahmen französische und englische Truppen unter dem Kommando des französischen Leutnants Emile A. Dupourqué in Spinalonga die Besatzung, um die mehrheitlich muslimische Bevölkerung der Insel zu schüzten.

Ruine eines Wohnhauses der osmanischen Siedlung von Spinalonga

Für Achäologen immer spannend, heute Heimat für Kakteen: In den Hang gebaute osmanische Siedlung Spinalongas ©Kretaplan

Einstige Festung wird zum Gefängnis für Leprakranke

Die Lepra war im Kreta des 18. und 19. Jahrhunderts weit verbreitet. Am 30. Mai 1903 verabschiedete der kretische Staat ein Gesetz über die Errichtung einer Leprakolonie auf Spinalonga, sämtliche an der gefürchteten Infektionskrankheit leidenden Einwohner der Insel Kreta mussten auf der Festungsinsel fernab der restlichen Bevölkerung interniert werden. Die ersten mit dem bakteriellen Errreger infizierten Patienten trafen im Herbst 1904 auf der Insel im Golf von Elounda ein, nachdem die letzten 272 muslimischen Bewohner die einst wohlhabende Siedlung verlassen mussten. Mit der Eingliederung Kretas in den griechischen Staat im Jahr 1913 dann wurden Leprakranke aus ganz Griechenland nach Spinalonga verlegt. Heute weiß man, dass die chronische Infektionskrankheit, die langfristig zu starken Gewebeveränderungen an Haut, Nervengewebe und Knochen führt, nur bei langem, engen Kontakt zu Infizierten über Tröpfcheninfektion übertragen wird. Bei den früher oft »Aussätzigen« genannten Erkrankten sterben langfristig Nerven ab, sie verlieren dadurch die Empfindlichkeit für Wärme, Kälte und Schmerz. Dadurch werden Verletzungen oft nicht erkannt und rechtzeitig behandelt, was früher häufig zu schweren Infektionen und Absterben der betroffenen Körperregionen führte.

Dunkle Jahre der Leprakolonie auf Spinalonga

Wer heute im milden mediterranen Frühling voll von blühendem Oleander, wogenden Zierlauch-Kugeln und Klatschmohn die Insel besucht, mag nicht unbedingt daran denken, doch das Klima auf Spinalonga im Winter ist von starken Seewinden, feuchter und kalter Luft geprägt. Die Isolation der Aussätzigen war wohl auch ohne Temperaturempfinden nur schwer erträglich. Im ersten Jahrzehnt der Internierung führte das zu zahlreichen Fluchtversuchen, aber auch Selbstmordversuchen der Kranken und solchen, die dafür gehalten wurden. Neuankömmlinge auf Spinalonga mussten ihre Habseligkeiten und Kleider, aber auch sämtliche Briefe an Angehörige, in der Desinfektionsstation in der alten Wachgarnison am großen Westtor sterilisieren lassen.

Ein Besuch des Nobelpreisträgers und Direktors des Pasteur-Instituts von Tunis, Charles Nicolle, brachte 1927 eine erste Entlastung des Leidensdrucks, als er nach seiner Rückkehr 10.000 Dosen Hygranol, eines wirksamen Lepramedikaments, nach Spinalonga schickte. Die Versorgung mit Lebensmitteln war wohl nur etwas besser als zu Belagerungszeiten – während der deutschen Invasion im Zweiten Weltkrieg starben viele Internierte an Unterernährung. Vor dem Hunger Flüchtende wurden bei dem Versuch, zur  gegenüberliegenden Küste von Plaka zu schwimmen, von den deutschen Besatzern hingerichtet.

Wie viele der Kranken Opfer einer falschen Diagnose wurden und zu Unrecht auf der Insel in vollständiger Isolation festgehalten wurden, konnte nie geklärt werden. Doch als auch schließlich 1948 auf Spinalonga, Jahre nach der Entdeckung eines Heilmittels gegen Lepra im Jahr 1941, erste Erfolge in der Behandlung der Infizierten erreicht werden, gibt es Lockerungen der strikten Isolation, einige Bewohner dürfen die Insel für kurzeitige »Urlaube« verlassen. Einige von ihnen waren nicht mit Lepra infiziert. Im Jahr 1955 beendet ein Gesetzesdekret die gewaltsame Isolierung von Lepra-Erkrankten, doch es soll noch bis zum Juli 1957 dauern, bis die letzten rund dreißig Patienten in die Lepra-Station des Krankenhauses für Infektionskrankheiten Agia Varvara in Attika verlegt werden und die Leprakolonie Spinalonga ein endgültiges Ende findet. Nicht aber dem Namen nach, denn der bereits 1954 gefasste Beschluss, offiziell wieder den antiken Inselnamen Kalydon zu verwenden, um die dunklen Zeiten als Leprakolonie vergessen zu machen, setzte sich in der Praxis bis heute nicht durch.

Spinalonga ©Kretaplan

Praktische Tipps zum Besuch von Spinalonga

Die ehemalige Leprakolonie Spinalonga gehört seit 2025 zur Kategorie B der griechischen Sehenswürdigkeiten mit mehr als 200.000 Besuchern im Jahr und kostet seitdem statt 8 stattliche 20 Euro Eintritt pro Person. Dazu kommt die Überfahrt per Boot für alle, die die 150 Meter von der kargen Halbsinsel Kalydon nicht schwimmen wollen. Bootstouren werden von Agios Nikolaos (ca. einstündige Fahrt) angeboten, deutlich günstiger wird es aber ab dem Hafen von Elounda (20-minütige Überfahrt) oder von Plaka (10 Minuten, 12 pro Person), wo die gesamte Infrastuktur auf Spinalonga-Besucher ausgelegt ist und die Wege auch vom kostenfreien Parkplatz zum Anleger am kürzesten. Seit dem Frühjahr 2026 wird am südlichen Anlegeplatz auf Spinalonga ein neues Besucherzentrum mit Museumsshop gebaut, was die ohnehin beengte Situation noch etwas verschärft. Auf der Terasse des modernen Kafeneions (mit der einzigen Toilette der Insel) direkt gegenüber eines kleinen Sandstrandes der Halbinsel Kalydon sitzt man sehr schön allerdings sind die Preise hier stark auf ausländische Touristen abgstimmt (Schokoriegel und Flasche Tafelwasser für je 3). Praktisch ist die Proviantierung auf Spinalonga also nach wie vor knapp, so dass es keine ganz schlechte Idee ist, sich etwas Verpflegung selbst mitzubringen, auch wenn der Besuch der Insel meist nur wenige Stunden in Anspruch nimmt.   

Anlegestelle der Ausflugsboote im Süden von Spinalonga

Nur die kleineren Boote im Pendelverkehr nach Spinalonga stehen Schlange vor den einfachen Anlegeplätzen  ©Kretaplan

Kretaplan-Tipp: Spinalonga, Venezianische Festung & Leprakolonie

  • geöffnet täglich von 8:30 bis 18:00 Uhr, wetterbedingt und an manchen Feiertagen geschlossen, im Winter (November bis März) allerdings nur nach Vereinbarung
  • Eintritt 20€ plus Überfahrt (ab 12€ pro Person von Plaka, von Elounda und Ag. Nikolaos teurer)
  • Die kostenfreie App (Beta-Version) bietet interessante Infos in mehreren Sprachen sowie Audiomaterial
  • Der Rundweg um die Insel ist recht eben, wer aber den Aufstieg zur zentralen Barbariga-Bastion machen will, sollte festes Schuhwerk mitbringen.
  • Besonders empfehlenswert ist der Besuch im Frühjahr, wenn die kretische Natur in voller Blüte steht. An besonderen Daten wie dem 18. April und dem 18. Mai ist der Eintritt zudem frei.
Olivenbaum in einem der osmansichen Häuser von Spinalonga

Spinalonga: Heute haben Olive und Johannesbrotbaum ihren festen Wohnsitz in den ehemaligen Krankenhäusern ©Kretaplan

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