Ein Traum für Aussteiger und Glücksritter, ein Albtraum für die Natur auf Chryssi Island: Die bewegte Vergangenheit der kleinen Trauminsel vor der Südküste Kretas hat Spuren hinterlassen, die auch vier Jahre der Sperrung für Besucher nicht ungeschehen machen. Doch die Regionalregierung plant eine Wiederaufnahme des Tagestourismus mit regulären Bootsanlegern und Infrastruktur, die die Umwelt des Naturschutzgebietes respektieren soll. Kretaplan hat bei einem Tagestrip getestet, wie gut das in der aktuellen Sommersaison 2026 funktioniert.
Chryssi Island: Anlanden nicht erlaubt, betreten schon – eigentlich unter strengen Bedingungen ©Kretaplan
Chryssis goldene Vergangenheit
Die Geschichte der goldenen Insel Chryssi (Χρυσή = golden) begann schon lange vor den Aussteigern und Hippies, die sich eine anarchische Sommerkommune in den Dünen des Eilandes im Süden Kretas schufen. Denn bereits aus der Antike sind Spuren von Holzhandel, Salzgewinnung und Purpurproduktion aus Meeresschnecken auf der nicht mal fünf Quadratkilometer messenden Insel bekannt. Doch wie so oft übertrieben es die modernen Menschen schließlich, als sie sich unbeobachtet wähnend inoffizielle Siedlungstrukturen schufen, die nicht vom griechischen Steuersystem erfasst waren. All die illegalen Tavernen, Sonnenschirmverleiher und Wiedetiere mussten verschwinden, seit 2022 wurde die Insel für Besucher gesperrt – all die Verkaufsstellen von Tagestickets für die Ausflugsboote in Ierapetra schlossen ihre Schalter.
Doch die dadurch wegbrechenden Steuereinnahmen aus dem Tagestourismus dürften die Regionalregierung zum Umdenken bewogen haben, zudem sich die Natur nach offiziellen Angaben zu erhohlen scheint: Die illegale Wassernutzung endete, so dass das natürliche Gleichgewicht des Wasserhaushalts der kleinen Kalksandinsel mit seinen alten Zedernwäldern wieder einigermaßen ins Lot kam. Ob das aber ausreicht, die Zedern zu retten, mag man bei den durchschnittlich über 30°C und immer längeren Trockenphasen ohne Niederschläge im Sommer bezweifeln. Der Mastix jedenfalls gedeiht zwischen den knorrigen Bäumen, Dünenpflanzen siedeln sich wieder an. Auch haben scheinbar wieder erste Exemplare der riesigen Grünen Meeresschildkröte (Chelonia mydas) seit 2024 auf Chrysi gebrütet. Diese größte aller Meeresschildkröten ist in ihrem Bestand stark gefährdet und im östlichen Mittelmeer sehr selten. Wie gut sich die vorgelagerte Insel nun langfristig als naturnaher Lebensraum eignet, wird sich zeigen.
Chryssi Island 2026: Uralte Zedern in den Dünen, Salzpfannen in den Felsenpools am Strand ©Kretaplan
Wie sieht es nun 2026 auf Chryssi Island aus?
Denn neben Resten der unrühmlichen Vergangenheit wie rostigen Gerippen professioneller Strandschirme und jeder Menge alter Blechdosen finden sich auch wie fast überall aktuelle Spuren der menschlichen Zerstörungskraft – in Form des unvermeidbaren Strandguts aus Schiffstauen, Fischernetzen und Kanistern, daneben aber auch Plastikmüll, den offensichtlich die aktuellen Besucher zurückgelassen haben. Eigentlich gilt zudem Rauchverbot auf der gesamten Insel, doch selbst der knautschige Bootsmann, der das Gepäck des Ausflugsschiffes an Land shuttled, nimmt das nicht so genau.
Auf den ersten Blick empfängt Chryssi Island und sein kleiner, im Osten liegender Satellit Mikronisi (= kleine Insel) die Besucher mit karibisch anmutenden Wasserfarben von azzura über leuchtendtürkis bis zu königsblau, und das Wasser ist dank des offenen Meeres ringsum erstaunlich erfrischend, rund 15 Kilometer südlich der glühenden Südküste Kretas entfernt. Doch die mutmaßlichen »Eispfützen«, in den Steinpools entlang der Küste zu finden, sind natürlich Salzkrusten, die bei der Verdunstung des Meerwassers entstehen, und einst Quelle reichen Handels seit der Antike. Und man braucht seine Augen nicht lange unter Wasser schweifen lassen, um einen weiteren natürlichen Reichtum der Insel auszumachen, nämlich diverse maritime Bewohner: der felsige Meeresgrund bietet hier umittelbar mehr zu sehen als so mancher kretische Badestrand, da sich in den steinigen Höhlen voll mit Anemonen und Seeigeln auch eine Vielzahl an Fischen vergnügt. Wer also der reichhaltigen Flora und Fauna der Lybischen See noch näher kommen will als im empfehlenswerten Cretaquarium, dem bieten die Wellen um Chryssi einen guten Einstieg.
Chryssis geradezu legendärer Golden Beach im Nordosten der Insel, davor ziemlich vertrocknete Bäume © Kretaplan
"Legalisierung" des Tagestourismus für Chryssi
Im Mai 2026 wurde ein Ministerialbeschluss veröffenlicht, der die Neuregelung der Besuchsbedingungen für Chrysi regeln soll, zunächt auf drei Jahre ausgelegt: Die Aufsicht unterliegt nun der Organistaion für natürliche Umwelt und Klimawandel (OFYPEKA). Parallel zum Abriss der illegalen Bauten auf der Insel soll ganz offiziell eine neue Anlegestelle entstehen. Im Jahr 2025 hieß es noch von den zuständigen Stellen in der Regionalverwaltung, dass sich Chryssi Island ökologisch bereits zu erholen begonnen habe und von vielen schädlichen Praktiken der Vergangenheit, wie illegalem Camping und Umweltschäden, befreit sei. Gleichzeitig habe sich die Mentalität sowohl der Bevölkerung als auch der loklen Geschäftsleute in Ierapetra allmählich geändert.
Aktuell bekräftigte nun der Forstdirektor Lassithis und damit mit der Insel betraute Manolis Koudoumas in einem Gespräch mit Anatoli, der verbliebene Abfall und Sperrmüll auf Chryssi sei so gering, dass sich eine gesonderte Beauftragung der Abholung nicht lohnen würde. In einem Forstbericht aus dem April 2026 seien nur minimale Mengen Müll und durch starke Winde angespültes Treibgut gemeldet. Zudem wären einst zugewiesene Finanzmittel nicht mehr für die OFYPEKA verfügbar. Demnach sei es auch nicht möglich, das seit Jahren außer Dienst gestellte und eingelagerte Boot, welches die Förster eigentlich zur Insel bringen sollte, wieder seetüchtig zu bekommen. Daher sei während der laufenden Tourismussaison auch kein Förster auf der Insel gewesen, denn auch das Küstenwachenschiff der Hafenbehörde Ierapetra sei derzeit voll mit dem erhöhten Aufkommen an Flüchtlingen in der Region gebunden. Somit scheint der eigentlich angekündigte Umweltschutz, basierend auf strikten Regeln für die Besucher, überhaupt nicht überwacht werden zu können und droht zwischen Bürokratie und Zuständigkeiten zerrieben zu werden. Die gleichzeitig geäußerte Hoffnung, dass möglicherweise Freiwillige den Müll mitnehmen, ist eine nicht ganz ungefährliche Annahme, da der Mensch erfahrungsgemäß nun einmal eher seinen Unrat da zurücklässt, wo schon welcher liegt.
Nehmen Sie sich eine Tür oder Matratze mit, lassen Sie die Steine da: Sperrmüll auf Chrissy im Juli 2026 © Kretaplan
Solange noch keine offizielle Anlegestelle errichtet ist, gelte die aktuell praktizierte Regelung: Besucher vor die Insel bringen, aber nicht anlanden zu dürfen; die Strände nutzen, aber nicht das Landesinnere betreten zu dürfen (wo genau fängt das eigentlich an?) – solche Rahmen lassen viel Interpretationsspielraum, der ebenso wie das Verbot des Zurücklassens von Müll sowie die Mitnahme von Steinen und Muscheln kaum kontrolliert wird. Tatsächlich verschwinden direkt nach dem Ausschiffen ein mindestends zweistelliger Prozentsatz der Tagestouristen für Insta-Fotos direkt in den Dünen, was zum Schutz der geschundenen Vegetation der Insel eben nicht erlaubt ist. Es steht zu befürchten, dass sich die jetzige Nutzung der Insel so wieder weiter ausdehnen wird, wie es bereits in der Vergangenheit der Fall war. Wäre es also nicht wirklich besser auch für die Insel Chryssi, den Besuchern, wie beispielsweise am Palmenstrand von Vai, die Einhaltung klarer Regeln einerseits zu erleichtern und andererseits die lokal erwirtschafteten Steuereinnahmen durch die Tagestouristen auch vor Ort zum Erhalt der Attraktivität der Insel (Hinweisschilder, Müllbehälter....) abzusichern?
Der Käpt'n persönlich lässt die Besucher über die Planke gehen: Ausschiffung vor Chrysi Island 2026 ©Kretaplan
Kretaplan-Tipps zum Besuch von Chrysi Island
Größere Ausflugsboote mit Platz für bis zu 300 Gästen steuern in der Saison wieder täglich vom Hafen von Ierapetra aus die Insel an, tatsächlich kann man unmittelbar an der Hafenmole parken. Auch Charterboote im Yachthafen bieten die Tour mit etwas mehr Privatsphäre und Kosten an. Die Überfahrt zur 15 Kilometer vor der Küste liegenden Insel Chryssi dauert rund eine Stunde, Tickets sind ab 40€ pro Person zu haben. Da die Insel derzeit noch nicht wieder per Anlegestelle erreicht werden darf, müssen Schiffe in einigem Abstand zur Insel ankern und die Besucher schwimmend oder per Schlauchboot an die Strände der Insel entlassen. Darauf hat man sich gut eingestellt, neben gar nicht mal überteuertem Flaschenwasser kann man sogar noch an Bord des Ausflugsschiffes wasserdichte Taschen in reichhaltiger Auswahl für das Landemanöver kaufen.
Große Ausflugsboote ankern rund 20 Meter vor dem Strand, Gepäck und kleine Kinder können per Dingi an Land gebracht werden. Doch was die Touranbieter keineswegs immer erwähnen: Die Küste Chryssis ist felsiger und schroffer als so mancher Sandstrand, und der teils schwarzkörnige, nachgiebige Sand kann sich in der unbarmherzigen Sommersonne so stark aufheizen, dass man kaum fünf Schritte ohne gegarte Fußsohlen gehen kann. Also ist die Nutzung von Badeschuhen oder wasserfesten Trekkingsandalen eine sehr gute Idee, zur Not können auch Flipflops schmerzhafte Erlebnisse einigermaßen verhindern. Überall in den Felsenpools im Flachwasserbereich entlang der Strände können stachlige Seeigel sitzen, somit ist auch hier Vorsicht geboten. Da die meisten Ausflugsboote im Schutz von Mikronisi im Osten der Insel am Kataprosopo Beach ankern, ist eine kleine, aber bei mindestens 35°C ohne Schatten recht schweißtreibende Wanderung über die Anhöhe Fokiospilio nötig, um den begehrten Golden Beach im Nordosten zu erreichen – denn die noch immer gut auf Satellitenbildern zu erkennden Pfade durch das Herz und die Dünenwälder der Insel zu nehmen ist nach wie vor verboten. Auch wenn das derzeit von keinem Förster überwacht werden kann.
Weiterführende Links:
- Chrysi Island: Naturschutz und Tourismus gleichzeitig möglich?
- Die frühere problematische Nutzung der Insel, bestens dokumentiert von Reise-Junkies
- Diskussion nach dem behördlichen Abriss illegaler Strukturen in Sisi via Anatoli
- Altertümer der Insel Chrissy im Archäologischen Museum von Thessaloniki von RadioLasithi
- Entdeckung der Grünen Meeresschildkröte auf Chrissi Island via Protothema
- Ministerialbeschluss zur zukünftigen Nutzung der Insel Chrysi bei RadioLasithi
Da das Landesinnere von Chrysi tabu ist, bleibt wohl das Meer um die Insel zunächst die Hauptattraktion ©Kretaplan
Kommentar hinzufügen
Kommentare