Die meisten Arten der riesigen Aasfresser der Lüfte sind stark bedroht, auch in ihrem Refugium auf der Insel Kreta bekommen junge Gänse- und Bartgeier Probleme und müssen immer häufiger notlanden. So kam es zuletzt vermehrt zu kuriosen Situationen, in denen riesige dehydrierte und desorientierte Junggeier auf Gebäuden, Autos und Stränden in der Stadt niedergingen. Wie kommt es zu diesen Notlandungen und was ist zu tun, wenn man einen 10-kiloschweren Greifvogel auf dem Autodach vorfindet?
Kretischer Bruterfolg erhöht wohl den Konkurrenzdruck auf junge Gänsegeier ©Wolfgang Zimmel/pixabay
Der Geier ist gelandet – leider auf fremden Flügel
Der Flugverkehr auf dem Hauptstadtflughafen Nikos Kazantzakis in Heraklion kann in der Hauptsaison ziemlich dicht sein, das ist schon länger auf Kreta bekannt. Nun sorgte Ende August eine gänzlich ungeplante Landung für Verspätungen: Ein junger Gänsegeier war auf der Tragfläche eines in der Abfertigung begriffenen Flugzeugs gelandet und hatte wohl noch nicht wieder seine Startfreigabe erhalten, als die Piloten der Linienmaschine schon wieder aufbrechen wollten. Auch durch das intensive Betätigen der Querruder konnte das scheinbar erschöpfte Jungtier nicht zum Verlassen der Tragfläche bewegt werden, erst die Flughafenfeuerwehr mit ihren Drehleitern fing das rastenden Wildtier mittels einer Einsatzjacke ein und befreite die Tragfläche von dem »blinden Passagier«. Nach einer Runde durch die Feuerwache wurde der Nachwuchsgeier schließlich in eine Transportkiste gefaltet den Mitarbeitern des alarmierten Forstamts von Heraklion übergeben.
Tatsächlich häufen sich zuletzt Sichtungen von verirrten Junggeiern auf ganz Kreta, beispielsweise mitten am Tag auf dem Dach eines Schulgebäudes im Zentrum von Agios Nikolaos, wo ein scheinbar erschöpfter junger Gänsegeier von zwei Krähen von seinem Rastplatz verscheucht wurde, die ihm anschließend auch noch eine Verfolgungsjagd über den Dächern der Stadt lieferten. Auch an Kretas Stränden und im Straßenverkehr von Neapoli haben bereits erschöpfte und dehydrierte Tiere für Aufsehen gesorgt.
Zum Größenvergleich: ein Jungtier wird von zwei ausgewachsenen Krähen über das Stadtgebiet von Agios Nikolaos gejagt ©Kretaplan
Warum junge Geier nun auf Kreta notlanden
Tatsächlich bietet Kreta mit seinen abgelegenen Berglandschaften einer stabilen Geierpopulation Lebensraum, während die großen Greifvögel im übrigen Europa eher um ihr Überleben kämpfen müssen. Gänsegeier, zu denen die notgelandeten Jungtiere auf Kreta meist gehören, bevorzugen steile Felsklippen und felsige Schluchten und suchen ihre Nahrung mit Vorliebe auf offenen, trockenen Landschaften, wie sie Kretas Hochplateaus mit ihren landwirtschaftliche Flächen bieten. Zudem hat die Abwesenheit großer Raubtiere wie Wölfe und Bären auf Kreta, die auf dem griechischen Festland bejagd und in den in den 1960er Jahren systematisch mit Strychnin-Ködern vergiftet wurden, den kretischen Geiern ein relativ ungefährdetes Überleben gesichert. Größere Gruppen von Gänsegeiern (Gyps fulvus) sind regelmäßig über den Hochebenen und Schluchten Kretas zu beobachten, die bis 11 Kilogramm schweren Tiere segeln elegant auf ihrer bis zu 2,70 Meter messenden Flügelspannweite in der Thermik über der Mittelmeerinsel.
Der Bruterfolg ist hier so groß, dass Tiere von Kreta die Populationen anderer Inseln im östlichen Mittelmeer auffrischen konnten. So wurden bereits Wildtiere erfolgreich nach Zypern umgesiedelt. Jährlich werden rund 400 bis 450 Jungvögel als Einzelkinder geboren, die natürliche Sterblichkeitsrate im ersten Lebensjahr ist mit bis zu 50% recht hoch. Heranwachsende Exemplare begeben sich nach dem Verlassen des Nests erst im Alter von vier bis fünf Jahren selbstständig auf Nahrungssuche. Dr. Stavros Xirouhakis vom Naturhistorischen Museum Kreta zu Folge zeigt die aktuelle Reihe von Notlandungen, dass die Konkurrenz um Nahrung unter den vielen Jungtieren und auch gegenüber den ausgewachsenen Exemplaren durch den Bruterfolg steigt. Möglicherweise durch die häufiger auftretende Waldbrände zusätzlich unter Druck gesetzt, kommt es immer wieder vor, dass unerfahrene Jungtiere auf der Nahrungssuche durch die sommerlichen Meltemi-Winde aufs offene Meer verweht werden und schließlich erschöpft, ertrinken.
Gefahren für Geier: Gift und GPS-Mangel
Zudem werden nach wie vor auf Kreta Giftköder ausgelegt, um die vielen streunenden Hunde zu vergiften. Fressen nun mehrere Geier deren Kadaver, sind auch sie akut gefährdet. Doch für die aktuelle Reihe an Notlandungen sind wohl eher die zunehmenden Winde, der gestiegene Populationsdruck und die damit verbundene Notwendigkeit verbunden, auf der Nahrungssuche immer größere Entfernungen zurück zu legen. Dabei kommen besonders unerfahrenere Jungtiere oft an ihre Grenzen und müssen dann, häufig dehydriert und desorientiert, an ungeeigneten Plätzen notlanden und können nicht mehr aus eigener Kraft abheben. Genau das passiert nun vermehrt an besiedelten Orte wie Städten, Straßen und Stränden – nach Angaben des Tierschutzvereins ANIMA wurden im Sommer bis zu fünf verirrte Geier täglich in kretischen Pflegeeinrichtungen aufgenommen, wo sie vor allem mit Wasser und Elekrolyte erstversorgt und dann über Monate mit intensivem Jagdtraining in der Gruppe auf ihre Auswilderung und die natürliche Konkurrenz in ihrem Lebensraum vorbereitet werden.
Gänsegeier bei der Arbeit über Kreta: Bis zu 2,70 Meter Flügelspannweite und messerscharfe Krallen ©Christel Sagniez/pixabay
Was tun mit einem notgelandete Geier?
Wer einen verirrten Geier antrifft, sollte Abstand wahren, denn es sind durchaus gefährliche Wildtiere mit messerscharfen Krallen und Schnäbeln, die eine Ziege in wenigen Minuten zerlegen können. Wie ein solch dehydrierter, hungriger und wahrscheinlich gestresster Riese auf Annäherungen reagiert, kann man nie genau sagen. Daher raten Experten wie Nikos Katritzidakis vom Forstamt Rethymno dazu, sofort über den Notruf die zuständigen Stellen wie den Forstdienst zu informieren und sich nicht selbst dem Tier zu nähern. Auch keine gute Idee ist es, ein solches Wildtier auf der Motothaube spazieren zu fahren (was natürlich auch in Griechenland nicht erlaubt ist), wie kürzlich in Neapoli geschehen und als Online-Video gepostet.
Die von den Fachleuten eingesammelten Junggeier werden dann zunächst mit Flüssigkeit erstversorgt und in eine Auffangeinrichtung gebracht. Meist ergeben die tierärztlichen Untersuchungen keine Krankheiten als Ursache der Notlandung, sondern schlicht Unterernährung und Erschöpfung. Die aufgenommen Tiere werden dann bis zu zehn Monate aufgepäppelt, trainiert und durch die Sozialisierung mit Artgenossen auf ihre Freilassung und das selbstständige Überleben in freier Wildbahn vorbereitet. Schließlich gehören die kreisenden Geier über den Berghängen Kretas zu der Insel wie die unzähligen Ziegen und Katzen. Und doch werden sich solche Vorkommnisse wie vor ein paar Jahren mitten auf einer Dorfstraße in Lassithi, als sich ein vermeintlich zu Halloween verkleidetes Kind doch als rastender Gänsegeier herausstellte, wohl auch in Zukunft nicht vermeiden lassen, so lange die beeindruckenden Tiere mit sich wandelnden Umweltbedingungen zu kämpfen haben, an denen wir nicht ganz unschuldig sind.
Weiterführende Links:
- Junger Geier sorgt für Flugverspätung an Hauptstadtflughafen Heraklion via Patris
- Zum Phänomen der notlandenden Geier auf Kreta von anatoli
- Geier und andere große Raubvögel auf Kreta bei destinationcrete
- Ostkretisches Ausflugsziel mit hoher Geier-Wahrscheinlichkeit: Höhle von Milatos
- Gar nicht so viele Schafe und Ziegen wie gedacht: Betrug bei OPEKEPE
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