Es häufen sich Probleme mit dem Ausbau der Europastraße zur streckenweise mautpflichtigen Autobahn A90, die an Stelle der "Neuen" Nationalstraße VOAK die urbanen Zentren in Kretas Norden verbinden soll. Neben den Herausforderungen, ein solch umfassendes Bauvorhaben im laufenden Verkehr durchzuführen, drohen nun weitere Verzögerungen als Folge ausbleibender Entschädigungszahlungen in Bezug zum brachliegenden Bauabschnitt um Neapoli. Wird Kretas Autobahnbaustelle damit eine unendliche Geschichte?
Noch auf Jahre werden unzählige Bauschilder den Verkehr auf Kretas VOAK beschränken ©Kretaplan
Während der kretische Tourismus schon seit Jahren immer neue Besucherrekorde meldet, wurde es stetig enger auf den Fernstraßen, die die Stadtzentren im Norden der Insel mit dem Hauptstadtflughafen und den Hotelanlagen an den abgelegenen Küsten im Süden und Osten verbinden. Bis auf wenige bereits als mehrspurige Autobahn ausgebaute Streckenabschnitte um Heraklion ist die kretische Nordachse VOAK (Βόρειος Οδικός Άξονας Κρήτης) einspurig in jede Richtung, was spürbare Folgen für den Verkehrsfluss hat. In der Hochsaison reihen sich die Reisebusse auf den mitunter bergigen und engen Fahrspuren ohne Mittelleitplanke, dazwischen viele LKW, Berufspendler und Touristen in Mietwagen – und zunehmend auch im Ausflugsverkehr auf Quads. Zuletzt vermehrt eine explosive Mischung, denn die Baustellen an der zentralen Verbindungsstraße beeinträchtigen mittlerweile immer flächendeckender die Teilabschnitte. Fährt man etwas von Heraklion nach Neapoli, haben sich die Ansichten über die kretische Landschaft bereits beträchtlich verändert: Ganze Berghänge wurden entfernt, Wälder gerodet und Täler verbreitert. Die Anzahl ausgestellter Baustellenschilder ist mittlerweile astronomisch.
Grundsätzliche Notwendigkeit des Autobahnausbaus mangels Alternativen
Flugverbindungen zu Regionalflughäfen wie in Sitia als (teure und umweltbelastende) Alternative zur Autobahnfahrt wurden in den letzten Jahren deutlich reduziert. Und während keinerlei Fährlinien mehr die Häfen Kretas mit der Hauptstadt Heraklion verbinden und auch der einst geplante Flugdienst per Wasserflugzeug nicht dauerhaft etabliert wurde, bleiben Reisenden auf Kreta mangels Schienenverbindungen nur die geteerte Lebensader der Insel – sei es per KTEL-Fernbus, Taxi oder Mietwagen. Viele Abschnitte der VOAK sind auf Grund des hohen Verkehrsaufkommens stark mitgenommen, Fahrbahnschäden, Schlaglöcher, Markierungen und andere Sicherheitseinrichtungen sind beschädigt oder fehlen ganz. Auch die aktuellen Maßnahmen zur Entschärfung bekannter Unfallschwerpunkte im Westen um Chania und Rethymno mittels Plastikpollern zur Fahrbanhtrennung, gesonderter Überholabschnitte und Fahrbahnreparaturen sind da nur Flickwerk.
Folgen der andauernden Verkehrsüberlastung sind häufige Staus und Behinderungen auf der überwiegend einseitig-einspurigen Fernstraße, die nicht nur zu Umweltbelastungen und finanziellen Einbußen führen, sondern eben auch in Verbindung mit stauständig überkochenden griechischen Gemütern zu regelmäßig merklich höherem Agressionspotenziel und gefährlichen Situationen im Straßenverkehr. Da ebenso sämtliche Krankentransporte aus den unzureichend versorgten Randregionen Kretas in Kliniken der Hauptstadt die Fernstraße nutzen müssen, kann ein zäher Stau auf der Strecke ernste Konsequenzen für die Patienten haben. Entscheidend für das Vorhaben eines Ausbaus der Nordachse zur Αυτοκινητόδρομος A90 dürfte aber die wachstumshemmende Behinderung der Touristenflüsse sein, die ebenfalls ausschließlich über die VOAK als zentraler Verteiler abgewickelt werden müssen.
Entlang der bestehenden VOAK fressen sich schon seit Jahren Sprengtrupps und Bagger in den kretischen Fels ©Kretaplan
Autobahnbau A90-Ausbau unter erschwerten Bedingungen
Die Straßenführung der VOAK verläuft auf nahezu gesamter Länge in Hanglage, also in Steilküsten sowie Berghänge geschlagen und in enge Täler gesprengt. Demnach ist ein Ausbau auf mehrere Fahrspuren wegen schierem Platzmangels nicht ohne weiteres möglich, meist müssen riesige Mengen Gesteins bewegt werden, um erst einmal Platz zu schaffen. Und das bei laufendem Verkehr, da die VOAK die zentrale Hauptschlagader Kretas ist und die parallel verlaufende alte Landstraße deutlich kurviger ist und weniger Kapazität bietet. Wo nicht vermeidbar, gibt es seit Jahren temporäre Vollsperrungen für Sprengungen entlang der angrenzenden Berghänge, ansonsten wird mit riesigen Meißeln und Bohrern dem Gestein zu Leibe gerückt. Zu dem Projekt gehören auch mehrere neue Tunnelanlagen, die die Steckenführung in den bis zu 500 Meter hohen Bergen der Region verkürzen und vereinfachen sollen. Das Ziel der Fertigstellung allein der bereits begonnenen Bauabschnitte hat sich mittlerweile bis weit in die 2030er Jahre verschoben. Doch keineswegs immer stehen die angrenzenden Grundstücke automatisch zur Verfügung. Wer Grundbesitz entlang der Fernstraße besitzt, hoffte auf großzügige Entschädigungen aus den europäischen Finanzierungstöpfen, doch zuletzt kam es auch hier zu Komplikationen.
Landbesitzer warten auf strittige Entschädigungen nach Enteignung
Die Besitzer der Ländereien, Häuser und Unternehmen entlang der Fernstraße im Streckenabschnitt zwischen Neapoli und Agios Nikolaos, die ihren Besitz im Zuge der Bauplanungen ab dem Jahr 2021 verlassen sollen, warten nach wie vor auf die vollständige Zahlung der Entschädigungen, bislang wurde mit knapp 3.5 Milionen Euro lediglich ein Bruchteil jener Gelder ausgezahlt, die in einem Gerichtsbeschluss bereits deutlich nach oben korrigiert wurden. Der Wert der bereits geleisteten Zahlungen beruhte auf mangelhaften Katasterdaten, die im Zuge der vor anderthalb Jahren abgeschlossenen Gerichtsverhandlungen korrigiert wurden. Demnach muss der griechische Staat 9.231.805 Euro zusätzlich an die Grundbesitzer allein für die Immobilien an diesem Straßenabschnitt nachzahlen, fristgerecht bis zum 31. März 2026. Anderenfalls wollen die Besitzer ihre Grundstücke nicht freigeben, wie kürzlich mitgeteilt wurde.
Die Bergperspektive zeigt die Dimensionen: Rechts das Dorf Limnes, links die Baustelle zur Spurverbreiterung der VOAK ©Kretaplan
Bauplanung durch Brandbrief in Bedrängnis?
Bemerkenswert an dem Brandbrief der Betroffenen vom 20. Februar 2026 an Premierminister Mitsotakis, die Leitung des Infrastrukturministeriums sowie den Bauträger Aktor Group ist die Feststellung, dass bereits im vergangenen Oktober eine Entschädigung von 20.1 Millionen Euro an das Bauunternehmen geflossen sei als Vertragsstrafe für die Verzögerungen auf Grund der anhaltenden Enteignungsstreitigkeiten. Die Grundbesitzer weisen dabei darauf hin, dass das Projekt bei pünktlicher Zahlung der 9.2 Millionen Euro an die Eigentümer nicht in Verzug geraten wäre und keine zusätzlichen Verbindlichkeiten des Staatshaushalt in Millionenhöhe entstanden wären. Auch wird in dem Zuge kritisiert, das Projekt öffentlich auszuschreiben und sogar schon mit den Arbeiten zu beginnen, ohne die Enteignungen der betoffenen Landstriche einvernehmlich abgeschlossen zu haben.
Limnes: Steinschlag nach Sprengung und verschwundene Abfahrt
Beeinträchtigungen der Anwohner sind bei Bauarbeiten solchen Ausmaßes nie ganz auszuschließen, doch die Bewohner des Dorfes Limnes ist derzeit wirklich nicht zu beneiden. Gelegen in einer Kurve des VOAK-Streckenabschnitts zwischen Neapoli und Agios Nikolaos, in der eine ganze Bergwand der Straßenverbreiterung weichen muss und zur Bewältigung des Abraums ein mobiles Kieswerk installiert wurde, leidet seit zwei Jahren schon durch Beeinträchtigungen durch Lärm und Staub der Großbaustelle. Zudem ging im Sommer 2025 nach einer Sprengung ein Regen aus Steinbrocken und Staub über dem ansonsten sehr ansehnlichen Dorf nieder. Zudem kam es kürzlich zu lokalen Protesten, wie in lokalen Medien berichtet wurde, da die Abfahrt von der VOAK vom einen auf den anderen Tag nicht mehr möglich war, da die Ausfahrt Limnes und mit ihr die Anbindung mehrerer Dörfer in der Umgebung wie Choumeriakos und Nikithianos ohne vorherige Ankündigung und Ausweichstrecke geschlossen wurde.
Mehrere Regionen im Osten Kretas warten sehnsüchtig auf ihre Anbindung an die VOAK ©Kretaplan
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