VOAK, Kretas ewige Autobahn-Baustelle

Veröffentlicht am 1. März 2026 um 11:13

Es häufen sich Probleme mit dem Ausbau der Europastraße zur streckenweise mautpflichtigen Autobahn A90, die an Stelle der "Neuen" Nationalstraße VOAK die urbanen Zentren in Kretas Norden verbinden soll. Neben den Herausforderungen, ein solch umfassendes Bauvorhaben im laufenden Verkehr durchzuführen, drohen nun weitere Verzögerungen als Folge ausbleibender Entschädigungszahlungen in Bezug zum brachliegenden Bauabschnitt um Neapoli. Wird Kretas Autobahnbaustelle damit eine unendliche Geschichte? 

Reichhaltige Baustellenbeschilderung auf der VOAK bei Agios Nikolaos

Noch Jahre werden unzählige Bauschilder den Verkehr auf verengten Fahrspuren von Kretas VOAK beschränken   ©Kretaplan

 

Während der kretische Tourismus schon seit Jahren immer neue Besucherrekorde meldet, wurde es stetig enger auf den Fernstraßen, die die Stadtzentren im Norden der Insel mit dem Hauptstadtflughafen und den Hotelanlagen an den abgelegenen Küsten im Süden und Osten verbinden. Bis auf wenige bereits als mehrspurige Autobahn ausgebaute Streckenabschnitte um Heraklion ist die kretische Nordachse VOAK (Βόρειος Οδικός Άξονας Κρήτης) einspurig in jede Richtung, was spürbare Folgen für den Verkehrsfluss hat. In der Hochsaison reihen sich die Reisebusse auf den mitunter bergigen und engen Fahrspuren ohne Mittelleitplanke, dazwischen viele LKW, Berufspendler und Touristen in Mietwagen – und zunehmend auch im Ausflugsverkehr auf Quads. Zuletzt vermehrt eine explosive Mischung, denn die Baustellen an der zentralen Verbindungsstraße beeinträchtigen mittlerweile immer flächendeckender die Teilabschnitte. Fährt man etwa von Heraklion nach Neapoli, haben sich die Aussichten über die kretische Landschaft bereits beträchtlich verändert: Ganze Berghänge wurden entfernt, Wälder und Buschland gerodet und Täler verbreitert. Die Anzahl ausgestellter Baustellenschilder ist mittlerweile astronomisch.

Grundsätzliche Notwendigkeit des Autobahnausbaus mangels Alternativen

Flugverbindungen zu Regionalflughäfen wie in Sitia als (teure und umweltbelastende) Alternative zur Autobahnfahrt wurden in den letzten Jahren deutlich reduziert. Und während keinerlei Fährlinien mehr die Häfen Kretas mit der Hauptstadt Heraklion verbinden und auch der einst geplante Flugdienst per Wasserflugzeug nicht dauerhaft etabliert wurde, bleiben Reisenden auf Kreta mangels Schienenverbindungen nur die geteerte Lebensader der Insel – sei es per KTEL-Fernbus, Taxi oder Mietwagen. Viele Abschnitte der VOAK sind auf Grund des hohen Verkehrsaufkommens stark mitgenommen, Fahrbahnschäden, Schlaglöcher, Markierungen und andere Sicherheitseinrichtungen sind beschädigt oder fehlen ganz. Auch die aktuellen Maßnahmen zur Entschärfung bekannter Unfallschwerpunkte im Westen um Chania und Rethymno mittels Plastikpollern zur Fahrbanhtrennung, gesonderter Überholabschnitte und Fahrbahnreparaturen sind da nur Flickwerk.

Folgen der andauernden Verkehrsüberlastung sind häufige Staus und Behinderungen auf der überwiegend einseitig-einspurigen Fernstraße, die nicht nur zu Umweltbelastungen und finanziellen Einbußen führen, sondern eben auch in Verbindung mit stauständig überkochenden griechischen Gemütern zu regelmäßig merklich hohem Agressionspotenzial und gefährlichen Situationen im Straßenverkehr. Da ebenso sämtliche Krankentransporte aus den unzureichend versorgten Randregionen Kretas in Kliniken der Hauptstadt die Fernstraße nutzen müssen, kann ein zäher Stau auf der Strecke ernste Konsequenzen für die Patienten haben. Entscheidend für das Vorhaben eines Ausbaus der Nordachse zur Αυτοκινητόδρομος A90 dürfte aber die wachstumshemmende Behinderung der Touristenflüsse sein, die ebenfalls ausschließlich über die VOAK als zentraler Verteiler abgewickelt werden müssen.

Entlang der bestehenden VOAK fressen sich schon seit Jahren Sprengtrupps und Bagger in den kretischen Fels   ©Kretaplan

Autobahn A90: Ausbau unter erschwerten Bedingungen

Die Straßenführung der VOAK verläuft auf nahezu gesamter Länge in Hanglage, also in Steilküsten sowie Berghänge geschlagen und in enge Täler gesprengt. Demnach ist ein Ausbau auf mehrere Fahrspuren schlicht wegen Platzmangels nicht ohne weiteres möglich, meist müssen riesige Mengen Gestein bewegt werden, um erst einmal Raum zu schaffen. Und das bei laufendem Verkehr, da die VOAK die zentrale Hauptschlagader Kretas ist und die parallel verlaufende alte Landstraße deutlich kurviger verläuft und weniger Kapazität bietet. Wo nicht vermeidbar, gibt es seit Jahren temporäre Vollsperrungen für Sprengungen entlang der angrenzenden Berghänge, ansonsten wird mit riesigen Meißeln und Bohrern dem Gestein zu Leibe gerückt.

Zu dem Projekt gehören auch mehrere neue Tunnelanlagen, die die Steckenführung in den bis zu 500 Meter hohen Bergen der Region verkürzen und vereinfachen soll. Das Ziel der Fertigstellung allein der bereits begonnenen Bauabschnitte hat sich mittlerweile bis weit in die 2030er Jahre verschoben. Doch keineswegs immer stehen die angrenzenden Grundstücke automatisch zur Verfügung. Wer Grundbesitz entlang der Fernstraße besitzt, hoffte auf großzügige Entschädigungen aus den europäischen Subventionstöpfen, die bei solchen Großprojekten in Griechenland immer grundlegend für die Finanzierung sind. Doch zuletzt kam es auch hier zu Komplikationen.

Landbesitzer warten auf Entschädigungen nach Enteignung

Die Besitzer der Ländereien, Häuser und Unternehmen entlang der Fernstraße im Streckenabschnitt zwischen Neapoli und Agios Nikolaos, die ihren Besitz im Zuge der Bauplanungen ab dem Jahr 2021 verlassen sollen, warten nach wie vor auf die vollständige Zahlung der Entschädigungen, bislang wurde mit knapp 3.5 Milionen Euro lediglich ein Bruchteil jener Gelder ausgezahlt, die in einem Gerichtsbeschluss bereits deutlich nach oben korrigiert wurden. Der Wert der bereits geleisteten Zahlungen beruhte auf mangelhaften Katasterdaten, die im Zuge der vor anderthalb Jahren abgeschlossenen Gerichtsverhandlungen korrigiert wurden. Demnach muss der griechische Staat 9.231.805 Euro zusätzlich an die Grundbesitzer allein für die Immobilien an diesem Straßenabschnitt nachzahlen, fristgerecht bis zum 31. März 2026. Anderenfalls wollen die Besitzer ihre Grundstücke nicht freigeben, wie kürzlich mitgeteilt.

Die Bergperspektive zeigt die Dimensionen: Rechts das Dorf Limnes, links die Baustelle zur Spurverbreiterung der VOAK    ©Kretaplan

Bauplanung durch Brandbrief in Bedrängnis?

Bemerkenswert an dem Brandbrief der Betroffenen vom 20. Februar 2026 an Premierminister Mitsotakis, die Leitung des Infrastrukturministeriums sowie den Bauträger Aktor Group ist die Feststellung, dass bereits im vergangenen Oktober eine Entschädigung von 20.1 Millionen Euro an das Bauunternehmen geflossen sei, als Vertragsstrafe für die Verzögerungen auf Grund der anhaltenden Enteignungsstreitigkeiten. Die Grundbesitzer weisen dabei darauf hin, dass das Projekt bei zeitnaher Zahlung der 9.2 Millionen Euro an die Eigentümer nicht in Verzug geraten wäre und keine zusätzlichen Verbindlichkeiten des Staatshaushalt in Millionenhöhe entstanden wären. Auch wird in dem Zuge kritisiert, das Projekt öffentlich ausgeschrieben und mit den Arbeiten begonnen zu haben, ohne aber die grundlegenden Enteignungen der betroffenen Landstriche abgeschlossen zu haben.

Limnes: Steinschlag nach Sprengung und verschwundene Abfahrt

Beeinträchtigungen der Anwohner sind bei Bauarbeiten solchen Ausmaßes nie ganz auszuschließen, doch die Bewohner des Dorfes Limnes ist derzeit wirklich nicht zu beneiden. Gelegen unmittelbar in einer Kurve des VOAK-Streckenabschnitts zwischen Neapoli und Agios Nikolaos, sieht sich das Dorf nun mit der Baustelle im Norden konfrontiert, in der eine ganze Bergwand der Straßenverbreiterung weichen muss. Daneben im Osten ein riesiger Bauplatz mit Abraumhalden und im Süden ein mobiles Kieswerk zur Bewältigung des Abraum. So leidet Limnes seit zwei Jahren schon durch Beeinträchtigungen von Lärm und Staub der Großbaustelle. Zudem ging im Sommer 2025 nach einer der Sprengungen ein Regen aus Steinbrocken und Staub über dem ansonsten sehr ansehnlichen Dorf nieder. So kam es kürzlich zu lokalen Protesten, wie in lokalen Medien berichtet wurde, da die Abfahrt von der VOAK vom einen auf den anderen Tag nicht mehr möglich war, da die Ausfahrt Limnes und mit ihr die Anbindung mehrerer Dörfer in der Umgebung wie Choumeriakos und Nikithianos ohne vorherige Ankündigung und Ausweichstrecke geschlossen wurde.

EIne Landstraße bei Kalo Chorio mit Blick auf die Mirabello Bay

Mehrere Regionen im Osten Kretas warten sehnsüchtig auf ihre Anbindung an die VOAK    ©Kretaplan

Kretaplan-Tipp: Ausweichen

Was kann man also sinnvollerweise tun, um sich nicht der deutlich erhöhten Unfallgfahr auf Kretas verkehrsreichster Straße unnötig auszusetzen? Trivial, aber: Bei der Planung von Fahrten sollten diese wenn möglich nicht in die Hauptverkehrszeiten gelegt werden, besonders morgens von 7 bis 9 Uhr und ab 16 Uhr ist mit erhöhtem Verkehrsaufkommen zu rechnen, da dann neben dem Lieferverkehr auch jede Menge Pendler unterwegs sind. Weniger Verkehr ist vormittags und am späteren Abend, ebenso am Wochenende. Weiterhin erhöhen sich die Fahrtzeiten auf den betroffenen Streckenabschnitten beträchtlich, selbst wenn der Verkehr einmal fließen sollte. Und die Alte Lanstraße bietet zwischen Agios Nikolaos und Latsida und wieder ab Pirgos Richtung Heraklion eine relativ entspannte und ansehnliche, wenn auch etwas langsamere Alternativroute. Zumindest im Urlaub darf ja manchmal gelten: Der Weg ist das Ziel.

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